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Ute Vollmer. Westfalenpost. 22.07.2003.
Traum vom Fliegen bleibt
Nils Klute aus Oeventrop - der 25-Jährige hat seinen Traum vom Fliegen noch nicht aufgegeben. (WP-Bild)
Arnsberg. Gummibärchen, Verkehrsampeln und Tomaten gibt es in Rot und in Grün. Für Menschen mit einer Farbsehstörung ist es schwierig, die jeweilige Farbe korrekt zu erkennen. Ein neu gegründeter Verein setzt sich für ihre Interessen ein.
Nils Klute aus Oeventrop hat solch eine Farbsehschwäche. Schon als kleiner Junge wollte er Pilot werden. Dass sein eingeschränktes Farben-Sehen ihm einen Strich durch diese Pläne machen könnte, daran hat er nie gedacht. "Für mich war meine Art Farben zu sehen immer ganz normal", sagt der 25-Jährige.
Nach Abitur und Zivildienst bewarb er sich bei einer privaten Flugschule. Vor Aufnahme stand die Feststellung der Flugtauglichkeit. Die augenärztliche Untersuchung ergab eine Sehschwäche im roten Farbbereich. Der damals 20-Jährige wurde für fluguntauglich erklärt. Der junge Mann war fassungslos. Zunächst glaubte er an einen Messfehler, denn für ihn war seine Art der Farbwahrnehmung nie problematisch gewesen. Als ein weiterer Besuch bei einem Augenarzt ein anderes Ergebnis erbrachte, wandte sich Klute an die Uniklinik Tübingen. Statt einer Rotschwäche wurde dort eine Grünblindheit diagnostiziert.
Klute wollte es genauer wissen: Im Internet stieß er auf den australischen Flugmediziner Dr. Arthur Pape, ebenfalls farbsehgestört. Allerdings mit dem Unterschied, dass er ein Flugzeug fliegt, und zwar mit gültiger Lizenz.
Auch der Australier war zunächst fluguntauglich geschrieben worden. Überzeugt davon, dass eine solche Farbsehschwäche im Flugbetrieb in keinem Fall ein Sicherheitsrisiko sei, nahm er den Kampf gegen Verordnungen und Behörden auf. Um seine Theorie zu untermauern, führte er praxisorientierte Tests durch. Und zwar vor Ort: auf dem Rollfeld und im Cockpit. Die Auswertung ergab, dass Wahrnehmung von Farbe in der Luftfahrt irrelevant sei. Funkverkehr und Position der Lichter seien völlig ausreichend für die Übermittlung von Informationen. Die Luftfahrtbehörde führte daraufhin neue Tests ein, die das Farbensehen in der Praxis prüften. Pape bestand sie ohne Schwierigkeiten. Damit stand für ihn der Himmel offen.
Vom australischen Kontinent heben seitdem Flugzeuge ab, u.a. geführt von Piloten mit einer ähnlichen Störung des Farbensehens wie Nils Klute. In den USA und Kanada gelten vergleichbare Standards. Die Luftfahrt ist international. Täglich bewegen sich Piloten dieser Länder im deutschen Luftraum. Klute empfindet es als ungerecht, "dass man als Deutscher mit diesem Farbsehdefekt hier nicht fliegen darf. Piloten aus Australien, USA und Kanada, die nach deutschen Vorschriften fluguntauglich wären, dürfen aber hier starten und landen."
Deswegen gründete der Oeventroper mit anderen Betroffenen den Verein "Vereinigung Farben im Cockpit e.V.". Ziel ist, die Erkenntnisse Arthur Papes bekannt zu machen, und ebensolche praxisbezogenen Tests einzuführen wie in Australien. Etwa zehn Prozent der männlichen Bevölkerung und ein Prozent der weiblichen Bevölkerung sind davon betroffen. Mehr als 50 Personen, denen wegen der deutschen und europäischen Anforderungen ihr Wunschberuf Pilot verwehrt ist, haben sich schon über die Internetseite bei Klute gemeldet.
Er selbst hat seinen Traum vom Fliegen noch nicht aufgegeben. "Ich weiß nicht, ob ich selbst Nutznießer sein kann. Aber, wenn wir erreichen, dass anderen in Zukunft dieser Beruf offen steht, lohnt sich der Einsatz."
Kämpft um eine Lizenz zum Fliegen: der Farbenblinde Arnsberger Nils Klute (WR-Bild)
Arnsberg. Nils Klute konnte schon als Kind seinen Berufswunsch nennen: "Ich werde Pilot!" Daran hat sich bis heute nichts geändert. Aus dem Traum vom Fliegen wurde nichts: Der 25-jährige farbenblinde Arnsberger gilt als fluguntauglich. Klute gibt dennoch nicht auf. Er gründete eine Selbsthilfegruppe.
"Meine Ausbildung zum Verkehrpiloten wollte ich bei einer privaten Flugschule am Paderborner Flughafen machen", erzählt Klute. Eigentlich konnte es für den damals 20-Jährigen nach dem Zivildienst gleich losgehen, doch vor dem Ausbildungsbeginn musste die medizinische Flugtauglichkeit nachgewiesen werden. Der Augenarzt stellte dabei die so genannte Farbenblindheit fest - und damit die Fluguntauglichkeit.
Doch Klute gab nicht auf und stieß durch Zufall auf die Internetseiten des australischen Flugmediziners Dr. Arthur Pape. Dieser hat den gleichen Farbwahrnehmungsdefekt wie Klute und darf in Australien problemlos Flugzeuge fliegen. "Dr. Pape hat sich in Australien vor Gericht durchgesetzt und gezeigt, dass ein Farbwahrnehmungsdefekt keine Bedrohung für die Sicherheit im Flugverkehr darstellt", sagt Klute. Seither dürfen Farbenblinde in Australien Pilot werden. In den USA und Kanada sieht die Situation ähnlich aus. Überdies haben die Farbensehtests dort einen konkreten Praxisbezug zur Luftfahrt. Die praktischen Farbsehtests in Australien, den USA und Kanada werden auf Flughäfen mit den Signallampen durchgeführt, die bei Funkausfall verwendet werden, um dem Piloten Informationen zu übermitteln. Ein solcher Praxisbezug fehlt bei europäischen Farbsehtests für die Verkehrsfliegerei.
Klute übersetzte die Internetseiten des Australiers und veröffentlichte eine deutschsprachige Ausgabe, fügte weitere Informationen hinzu, die er aus seinen Kontakten und Gesprächen mit Luftfahrtbehörden gewann. Ziel dabei war es, weitere Betroffene zu finden, was auch gelang. Heute steht der junge Sauerländer mit rund 50 Betroffenen aus dem deutschsprachigen Raum in engem Kontakt.
Sondererlaubnis nicht erteilt - Auch Petition scheiterte
Klute stellte einen Antrag auf Sondergenehmigung beim Luftfahrtbundesamt. Damalige Gebühr: 1600 Mark. Der Antrag scheiterte. Der Arnsberger darf heute nicht einmal ein Segelflugzeug steuern. Auch eine Petition an den Bundestag brachte keine Veränderungen.
Ans Aufgeben hat Klute nie gedacht. Im Jahre 2000 gründete er zusammen mit anderen Betroffenen einen Verein. Heute ist er Vorsitzender der "Vereinigung Farben im Cockpit e.V.". Ziel des Vereines ist es, die Gedanken und Arbeiten des Australiers Pape zu verbreiten und für einen niedrigeren Farbsehstandard und praxisbezogene Farbsehtests bei europäischen Behörden zu werben. Der Kampf ist lang. Ob Klute selbst davon profitieren wird, steht dahin. Für die Verkehrsfliegerei liegt die Altersgrenze bei 35 Jahren, daher bleiben ihm noch zehn Jahre, um eine Fluglizenz in Deutschland zu bekommen.